Abgesang auf die Kleppermeile

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BS in seinen wilden Jahren

Nun ja, wild und kompromisslos war sein Leben ja bis zum Schluss. Aber wer hätte gedacht, dass Bernhard Schmittlein in seinen jungen Jahren auch ein Rock’n Roller war. Aber genau so war es. Offenbar pflegte die Band, The Yond’s, damals schon denselben leidenschaftlichen Dilettantismus, der auch Bernhards späteres Klepperleben bestimmen sollte. So beschreibt es wenigstens der Chronist. Nachzulesen hier: http://www.revivalband.info/04_hobbys/02_band_the_yonds/yonds.html

Und hier gibt es Bandfotos (BS ist natürlich der hübsche Junge mit der Sonnenbrille): http://www.revivalband.info/04_hobbys/02_band_the_yonds/dia1_yonds.html

http://www.revivalband.info/04_hobbys/02_band_the_yonds/dia2_yonds.html

 

Vielen Dank für diese Entdeckung an Georg, den Klepologingenieur aus Nürnberg. Und vielen Dank auch an alle, die hier schon etwas beigetragen haben. Ich glaube, dass die Texte und Fotos eine würdige und doch ehrliche Erinnerung an BS sind. So, wie sie ihm eben gebührt.

 

Uwe

Hier spricht der Meister selbst

Vorwort aus Klep Nr. 12, vermutlich Mitte der neunziger Jahre:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Zunft,

Sie werden es sicher nicht glauben wollen, aber IS-Moden besteht nun mittlerweile 25 Jahre. Zuerst war da die Fa. Kunzmann, und dann zeigte uns ein alter Seebär namens Meister Lampe, wo der Bartl den Gummimost holt. Anschließend wagte sich dann IS-Moden in die damals noch so zu bezeichnende Gummisubkultur, ohne jemals den beiden genannten Vorgängern auch nur im geringsten das Wasser reichen zu können – und das gilt bis heute.

Solange für IS-Moden Pellkartoffeln und Quark übrig gelassen worden sind, war das absolut in Ordnung, denn wenn man mehr Zeit an der Theke als im Büro verbringt, stellenweise die Liefer-Unzuverlässligkeit in Person ist, dann steht einem einfach Champagner, Kaviar und die Malediven nicht zu. Irgendwo muss schon alles seine Grenzen haben. So philosophiert sich eben jeder in seiner Ureigenheit durchs Leben, denn in 100 Jahren ist sowieso alles vorbei.

Natürlich gab es zwischendurch ein paar Oberlehrer. Sie waren sich ihres Kundenstatus wohl bewusst und drohten “rechtliche Schritte” an, wenn jetzt nicht sofort ihre bereits vor 6 Monaten bezahlte KLEP-Ausgabe geliefert wird. Selbstverständlich muss man diesen Herrschaften recht geben, aber besondere Situationen erfordern nun mal besondere Maßnahmen. Trotzdem möchten wir uns im Nachhinein bei diesen KLEP-Kleinaktionären für ihre Vorkasse bedanken. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen im Briefkasten nur ihr Brief mit ihren DM 30,- lag. Damals wurden sie hocherfreut entgegen genommen und ließen in der Stammkneipe an einem bierseligen Abend die Welt vergessen. So konnte man auch mit kleinen Sachen IS-Moden eine Freude machen – und dem Wirt auch. Wohl bekam’s. Denn gar so manches mal hat dieser Gerstensaft eine creative Auslösung bewirkt: wie man denn so seine kümmerlichen Geschäfte weiter betreibt, um mal wieder die Büromiete oder Telefonrechnung bezahlen zu können. Komisch, es hat immer wieder geklappt, dank der Freunde der Zunft.

An dieser Stelle möchten wir uns auch bei all diesen tapferen Recken bedanken, welche auch schon mal einen Tausender oder mehr für kommende Geschäfte vorgeschossen haben. Sicher wurden diese früher oder später dann auch erfolgreich getätigt, aber schnelle Hilfe ist eben doppelte Hilfe. Getreu dem Spruch: Ein Volk, das nicht imstande ist, seinen Wirt zu ernähren, ist es nicht wert, ein Volk genannt zu werden. Vergelt’s Gott.

Gottseidank ist dies nun Vergangenheit, denn jetzt kommt Zucht, Ordnung und preußische Disziplin in den Gummiladen. Denn jetzt haben wir die Ehre und das Vergnügen, Ihnen Michael Fidius vorstellen zu dürfen, seines Zeichens Buchhalter. Wir sind restlos davon überzeugt, dass dies eine seiner leichtesten Aufgaben sein wird, hat er doch schon ebenfalls 25 Jahre anderswo buchhalterische Ordnung aufrecht erhalten.

So ganz nebenbei beherrscht er noch die Photographie und das Videofilmen, als ob er bisher im Leben nicht anderes gemacht hätte. Auf seinen Computern spielt er wie einst Mozart auf dem Klavier. Hemmingway und Bukowski würden ihn als einen der ihren bezeichnen und sich wünschen, auch im Kleppermantel und Latexanzug das Licht der Welt erblickt zu haben. Ohne Zweifel ist er der Mann der Stunde, der Ruhepol in der Mitte und der Garant der Beständigkeit. Geben wir ihm nach diesen Vertrauensvorschüssen die Chance zu zeigen, wie er unsere Suppe mit dem Salz des Lebens abschmeckt. Auf alle Fälle wird er dafür sorgen, dass Sie alle 3 Monate die neue KLEP-Ausgabe pünktlich auf dem Tisch des Hauses haben werden.

Als infizierter Klepper- und Gummimann hat er von Haus aus das Feuer in sich, die 25-jährige Erfahrung von IS-Moden neben sich, die Klepper- und Gummi-Gemeinde hinter sich. So wird das lädierte Vertrauen wieder aufpoliert, auf das es glänze wie ein Kinderpopo. Ohne Ihre Hilfe und Ihr Scherflein würde es allerdings ziemlich zappenduster aussehen. Deswegen bitten wir um Ihre Stories, Leserbeiträge, Photos und Anzeigenwünsche und Direktbestellungen.

Auf geht’s Buam, samer fesch – wir brauchen Euch, Ganz fest bittschön.

In der Hoffnung, daß Sie unsere Bittprozession erhören werden, verbleiben wir in neuer Frische.

De mortuis nihil nisi bene

Nachdem meine Arbeitszeit heute um 15 Uhr endete, wollte ich mich nun endlich daran machen, meinen versprochenen Beitrag zum Schmittlein Blog nachzuliefern. Um aber die richtige Stimmung für diese Rückschau auf die Anfänge der eigenen Klepperleidenschaft, die dieser Protagonist des Klepperfetischismus, wenn nicht geprägt, so doch ganz sicher beeinflusst hat, also um mich auch gedanklich in diese längst vergangenen Zeiten zu versetzen, zog ich erst mal einen meiner zahlreichen Rillos an und machte mich auf einen Spaziergang bei idealem „Klepperwetter“ hier in meinem Heimatort.
Bewusst suchte ich dabei die Nähe und die Begegnung mit anderen Menschen auf der Straße. Denn eines ist mir bei meinen vielen Telefongesprächen und späteren Besuchen bei Bernhard S. bewusst geworden: Man darf sich keinesfalls irgendwelche Gedanken machen, Schuldgefühle oder Komplexe entwickeln, wenn man sich in einem dieser grauen, irgendwie nicht mehr in das heutige Straßenbild passenden und doch aber zeitlosen, Gummiregenmänteln in die Öffentlichkeit begibt. IS-Moden Sonderanfertigungen.verkl.
Ganz deutlich erkannte ich das in einigen seiner Filme, wovon ein Beispiel besonders herausragt. Hier zeigte er ein junges Mädchen, das im Cape und mit einer Gummihaube ganz eindeutigen Fetischcharakter demonstrierte. Sie lief in einem unterfränkischen Weinort umher, besichtigte einen Schloßpark und landete schließlich auf der Terrasse eines Lokals. Aber, für uns Gummifetischisten wohl total unverständlich, nicht ein einziger der vorbeifahrenden Autofahrer drehte sich nach der „Gummipuppe“ um. Nun wäre es zwar möglich gewesen, dass Fußgänger, bzw. Passanten vorher vom Filmteam entsprechend instruiert wurden. Aber auch die zahlreichen Autofahrer ? Nein, gerade auch dieser Film zeigte, wie wenig die Öffentlichkeit von uns wirklich Notiz nimmt, wenn wir uns nur mit einem gesunden Schuss Selbstvertrauen auf die Straße begeben.        Das habe ich von Bernhard gelernt !
Wie schon gesagt, gingen meinen Besuchen in den Jahren zuvor zunächst nur einige Telefonate voraus und das Verhältnis zu B.S. beschränkte sich zuerst auf eine reine Kunden-/Lieferantenbeziehung. Diese war nicht immer ein Quell reiner Freude. Zu oft musste man die Lieferung bereits zuvor bezahlter Ware immer wieder anmahnen. In keinem einzigen Fall aber konnte man die Qualität der letztendlich doch gelieferten Sachen bemängeln.
Gemessen an heutigen Ebay-Auktionspreisen, konnte man sogar von einer gewissen „Preiswürdigkeit“ reden. Denn zwei, aus Klepperstoff gefertigte extra lange, tadellose Capes ( für meine Klepperfrau ) für je 600,- Mark, waren ein schon ein Wort. Und er ließ sogar mit sich handeln und lieferte die doppelte Bestellung zum Gesamtpreis von DM 1000,- aus. Auch das war eine Seite, des ansonsten notorisch „klammen“ B.S. IS-Moden Sonderanfertigung 2.verkl
Die Beziehung sollte sich zu den „zarten Anfängen“ einer Freundschaft zwischen zwei artverwandten Seelen entwickeln, als er mal wieder umzog ( bzw. umziehen musste… ). Da ich ebenfalls in Franken wohne, war sein neuer Firmensitz in Lichtenfels für mich natürlich ein Grund, ihn auch endlich mal persönlich kennen zu lernen. Den Verlauf dieser Besuche, die ich später auch zusammen mit meiner Frau durchführte, werde ich noch in einem späteren Beitrag schildern.
Dass er mit meiner Frau geradezu „gentlemenlike“ umging – er konnte ein richtiger Charmeur sein – lag in erster Linie natürlich daran, dass meine schon entsprechend instruierte Partnerin nicht nur im Kleppermantel ( also korrekt ) gekleidet in seine Geschäftsräume hereinspazierte, sondern auch von seinen „tollen Kleppersachen“ schwärmte.

Den Titel meines Beitrages ( „Über die Toten nichts Schlechtes, nur Gutes“ ) folgend, dürfte ich den letzten Besuch, das war dann schon in Volkach am Main, aber eigentlich gar nicht schildern. Dieses Erlebnis gehört nämlich zu den oft zwiespältigen Eindrücken, die er in meinem Gedächtnis hinterließ.
Es war geplant, einen jener Klepperfilme der harmloseren Sorte, in der Art von „Klepper-Walk“, abzudrehen, deren eigentliche Handlung darin bestand, dass eine oder mehrere Damen sich in Kleppermänteln oder Capes ungezwungen in der Öffentlichkeit bewegten. Etwas für das Kopfkino also. Bernhards damalige Lebensabschnittsgefährtin, eine dunkelhaarige, rassige Tschechin, sowie meine Frau und die nette kleine Freundin seines „Kameramannes“ sollten die Darstellerinnen sein. Die Handlung,  soweit man von einer solchen sprechen konnte, wurde auf ein in der Nähe liegendes typisch mainfränkisches Weingut verlegt.
Das war aber, wie sich noch herausstellen sollte, keine besonders gute Idee. Nicht dass man uns, als wir unsere PKWs in dem mit einer Mauer umfriedeten Gutshof abstellten, irgendwelche Probleme seitens der Besitzer machte. Das Problem war die ausgeprägte Trunksucht unseres lieben Regisseurs.
IS-Moden-Filmdarstellerinnen in Volkach.verkl.Denn der schlaue Bernhard, hatte sich, während wir mit dem Filmen beschäftigt waren, kostengünstig einige Flaschen des herben fränkischen Rebensaftes beschafft und diese in rekordverdächtig kurzer Zeit geleert. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, wenn er nicht in seiner Alkohollaune begonnen hätte, Gläser und Flaschen gegen die Wände des Gutshofes zu schmettern und andere Gäste ( vor allem die weiblichen ) zu belästigen. Natürlich blieb dies nicht ohne Folgen.
Ein paar kräftige junge Männer, Angestellte des Gutshofes, drohten uns bereits mit Prügeln und diese hätten wir sicher auch bezogen, wenn es mir nicht gelungen wäre, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, den Bernhard in mein Auto zu verfrachten und mit ihm zurück zu seinem Wohnhaus im Ort zu fahren. Die Dreharbeiten waren damit abrupt beendet.
Meine Frau konnte ich in der Folgezeit nicht mehr zu einem weiteren Besuch bewegen und ich hatte, ehrlich gesagt, auch keine Neigung mehr. Als dann der versprochene Videofilm, den ich ihm noch im Voraus bezahlte, obwohl ja meine Frau ja selbst mitgewirkt hatte, auch nie geliefert wurde, schlief unsere Beziehung endgültig ein. Ich hatte irgendwann auch keine Lust mehr, zum wiederholten Male anzurufen und nachzufragen, wo denn die Cassette bliebe…
Aus heutiger Sicht finde ich es schade, dass es so enden musste. Schließlich hat er mir doch auch viel gegeben. Neben einem gesunden Selbstbewusstsein beim Tragen des Gummiregenmantels zu allen möglichen Gelegenheiten ( nicht nur zu Hause, oder im finsteren Wald, wie das so manche Zeitgenossen pflegen ), waren es auch seine Filme, die mir den Reiz eines besonderen Kleidungsstückes auch für das eheliche Sexleben
demonstrierten. Die besseren dieser Produktionen, es waren anfangs noch auf Videoband überspielte Super8-Stummfilme, dienten auch als Anschauungsmaterial für meine Gattin. Sie bewirkten ein, von mir zunächst nur erträumtes, aber nicht als realistisch angesehenes Interesse meiner Partnerin am Sex im Gummimantel.
IS-Moden-Film in Volkach-verkl.

Verstehe einer die Frauen ! Viele lehnen es ja ab, einen Kleppermantel auch nur als Regenbekleidung zu tragen. Der Bernhard war hier ein „Beichtvater“ für viele aus unserem Kreis. Er erzählte mir manchmal, von den häuslichen Tragödien, die sich in diesem Zusammenhang abspielten.
Für diese Frauen hatte er aber auch keinerlei Verständnis. Ja er verachtete sie. Und er machte auch – Geschäft hin oder Geschäft her –  keine Mördergrube aus seinen Ansichten. Auch wenn das ihm letztendlich auch den einen oder anderen Kunden kostete.
Ich glaube aber gerade das macht ihn irgendwie auch sympathisch. Denn er war hier absolut geradeaus. Mit Ecken und Kanten. Aber ( zumindest unter diesem Aspekt betrachtet ) immer offen und ehrlich.
So habe ich ihn denn auch in Erinnerung behalten.
Und, lieber Bernhard, wenn Du das von Deiner Regenwolke aus, in der Du jetzt im Kleppermantel im Klepperhimmel sitzt, lesen solltest :
Das „Volkach-Erlebnis“ und die letzten 200,- Mark, die Du mir bis heute noch schuldest :
Es ist vergessen und geschenkt !
Der Klepologingenieur.

Tempi passati – die Zweite

Mit der bereits erwähnten Dame meldete ich mich zu einem Besuch in der Klepperschneiderei an. Zuvor hatten wir aus dem Katalog eine Auswahl dessen getroffen, was die damalige Dame meines Herzens schmücken sollte. Eine Latzhose aus Klepperstoff und eine passende Kapuzenjacke dazu. Nach mehrmaligem Anlauf gelang es dann endlich auch, den Herrn der grauen Gewänder höchst selbst an das Telefon zu bekommen. Auf die Frage, ob er die gewünschten Kleidungsstücke denn vorrätige habe, antwortete er lakonisch, das man das Passende schon finden würde. Lebhafter wurde das Gespräch dann, als ich erwähnte, dass ich beabsichtigte, in weiblicher Begleitung zu kommen.
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Während an anderer Stelle um Zigaretten gebeten wurde war die Frage nun, ob wir  nicht ein oder zwei Flaschen Ebbelwoi mitbringen könnten. Bei einem Glas könne man dann in Ruhe auswählen und anprobieren. Und auch der Vorschlag „Foddos“ zu machen kam. Der wurde unsererseits allerdings aus gutem Grund schon im Vorfeld abgelehnt.

Dann war es soweit. Ich gestehe, dass ich vor der Haustüre dann doch etwas Herzklopfen hatte, aber meine ebenso wie ich natürlich in die obligaten Mäntel gekleidete Begleitung sah das Ganze deutlich entspannter. Geöffnet wurde uns von einer eher zierlichen und sichtlich scheuen jüngeren Dame, die mitnichten irgend etwas aus dem grauen Material trug, sondern in einen schlichten Hausfrauenkittel gewandet war.  Der Meister brauche noch einen Moment Zeit wurde uns beschieden und wir sollten doch bitte so lange im Flur Platz nehmen.
Wenig später verließ dann ein junger Mann in Grau und mit deutlich hochrotem Kopf das Empfangszimmer und wir konnten das Klepperreich betreten. Etwas befremdet waren wir darüber, dass der stilecht von Kopf bis Fuß in einen Overall aus seinem Material eingekleidete Meister Lippenstift aufgelegt hatte, den er allerdings dann recht rasch zu beseitigen suchte. In der Tat war vom typischen Geruch recht wenig zu spüren, dafür reichlich vom schon beschriebenen Zigarettenqualm. Überwältigt war zumindest ich vom Anblick der unzähligen auf Kleiderstangen hängenden Mäntel und Capes, so an die hundert dürften es gewesen sein.
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Erfreut war man über den mitgebrachten Apfelwein, der zum größeren Teil ziemlich rasch
in seiner Kehle verschwunden war. Wir wählten eine Latzhose und die besagte Jacke aus und meine Begleitung wollte sich zum Zweck der Anprobe zurückziehen und suchte eine passende Location. Erst nach mehreren Anläufen war dem Meister klar zu machen, dass meine Begleitung zu diesem Zweck ein Privatissimo vorzog und keine Lust auf  die ihm offensichtlich vorschwebende Modenschau hatte.

Dank der Hilfe der freundlichen Dame, die uns die Türe geöffnet hatte, konnte meine Begleitung die gewünschten Sachen anprobieren. Die Latzhose war vom Schnitt her leider völlig unpassend und die Tatsache, dass der Meister nun im wahrsten Sinne des Wortes versuchte, „Hand anzulegen“, um uns zu beweisen, dass man nur hier und da etwas an der Hose zurecht ziehen müsse „dann passd des schoo…“ bewog uns, das Einkaufserlebnis der besonderen Art zügig zu beenden. Wir erwarben die Kapuzenjacke und schnappten schnell noch ein silbernes Lackcape und machten uns aus dem Staub ohne die Absicht, einen solchen Besuch ein zweites Mal zu unternehmen.
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Im Verlauf der folgenden Jahre hatte ich immer mal wieder Kontakt, weil ich zu fotografieren begonnen hatte und er Fotos für sein Magazin wollte. Gelegentlich erfuhr ich auch über Dritte ein paar ihn betreffende Anekdoten. In der Tat kam er wirtschaftlich wohl praktisch nie auf die Füße. Sicher auch deswegen, weil es ihm nicht gelingen wollte, seine privaten Obsessionen vom Geschäft zu trennen und er so viele Kunden und Bekannte in die Flucht schlug.

Seine Models holte er sich meines Wissens überwiegend gegen Bezahlung. Das klappte wohl nicht immer. Ich weiß zumindest von einem Fall, bei dem er mit dem Freund eines seiner Fotomodels deftigen Ärger bekam, weil er das versprochene Honorar nicht zahlen konnte oder wollte.
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Man muss ihm anrechnen, dass er zu den Vorreitern der modernen Fetischszene gehörte. Er brachte den Mantel als Erster in Verbindung zu Elementen der BDSM-Szene und wusste auch entsprechende Fotos zu zeigen. Mit diesem Gespür für den „Markt“ war er Jahre früher als die mit der Zeit der sexuellen Entkrampfung aufkommenden Hochglanzpublikationen wie etwa O-Magazin und Marquis. Meines Wissens war er auch maßgeblich an der Entstehung eines der ersten Magazine beteiligt, bei denen Regenmode in Verbindung mit Fetisch gebracht wurden. Die Rede ist von Bildreport-Gum, das ein paar Ausgaben lang die Szene erfreute und begeisterte.
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Später versuchte er sich dann mit Casablanca-Mode und weiteren Unternehmungen. Vermutlich aus ständiger Geldnot heraus versuchte er immer wieder auch unmögliche Aktionen – es sei nur an den Versuch erinnert, der Szene eine „Klepperaktie“ zu verkaufen. Wie auch immer: er war ein Unikum und als Einzelgänger völlig teamunfähig und nicht zuletzt hat er wohl unterschätzt, dass sich Probleme mit Lieferungen und Zahlungen spätestens mit dem Aufkommen des Internets weiter verbreiteten, als ihm lieb sein durfte. Was damals gelegentlich sehr ärgerlich war ist heute eine unterhaltsame Erinnerung. Und immerhin – viele seiner Fotos sind weit verbreitet und erfreuen heute den Nachwuchs der Szene, der die skurrilen Verhältnisse der sechziger und siebziger Jahre nicht mehr kennt und erlebt hat. He was a character!

 

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Tempi passati – vergangene Zeiten

Meine erste Begegnung mit dem Modepapst des grauen Stoffes reicht weiter zurück, etwa in die erste Hälfte der 70er Jahre. Zunächst hatte ich mit den Grauen eigentlich nichts zu tun. Die Objekte meiner Begierde waren aus dem damals immer aktueller werdenden festen Nylonmaterial gefertigt. Auch mir war der Begriff des Fetischismus zunächst völlig fremd. Zumal mein Favorit sozusagen frei verkäuflich und unverfänglich war. Schließlich gab es das, was ich wollte, bei Neckermann auf der Zeil ebenso zu kaufen wie im Kaufhof und im Schirmgeschäft an der Katharinenkirche. Auch Plastikregenmäntel fand ich durchaus anziehend und anregend. Die gab`s auch in jedem Kaufhaus und ich konnte sie kaufen. All das war bei entsprechendem Wetter zu Hauf auf der Strasse zu sehen – eine Neigung, die sich völlig unverfänglich ausleben ließ, auch wenn ich mir dessen damals nicht so wirklich bewusst war. Da war immer das blöde Gefühl, anders zu sein, dass man einem ansehen könne, warum man ein solches Teil trug. Bild

Da Nylonmäntel und Anoraks sozusagen en vogue waren brauchte ich eigentlich nur bei der Suche nach weiblichen Kontakten darauf zu achten, dass sie ein mich anregendes Kleidungsstück besaßen und auch trugen. Allerdings war es weitaus schwieriger, das modische Thema dann auch in eine enge, zwischenmenschliche Konnotation anlässlich gewisser Momente zu bringen. ;-)……  Auch der schon angesprochene Flohmarkt bot reichlich Auswahl zu Preisen, die auch ein Student verkraften konnte. Schwieriger war es schon, die entstehende Sammlung irgendwie so unter zu bringen, dass sie in den frühen Phasen nicht in der elterlichen Wohnung Aufsehen erregte. Gott sei Dank machte sich nie jemand Gedanken darüber, dass ich irgendwie recht viele Regenjacken, Mäntel und Anoraks in meinem Kleiderschrank hatte.

Wie auch immer, in den damaligen Zeiten der aufkommenden sexuellen Freiheit gab es doch die eine oder andere Gespielin, die sich meinem Argument nicht widersetzte, dass schützende Kleidung anlässlich gewisser Aktionen im Freien nicht so schlecht war. Erst eine etwa zehn Jahre ältere, zumal verheiratete Dame, der ich als Tanzpartner in einer Tanzschule auf der Bockenheimer Landstraße dienlich war, weil ihr Gatte keine Lust auf Gesellschaftstanz hatte, erkannte den Hintergrund meiner Begierden und wusste sie durchaus richtig einzuordnen. Da sie sich durchaus oft und gerne mit mir vergnügte und sozusagen passiv fesselnde Fantasien hatte, wusste sie, wie sie mich (und sich) im wahrsten Sonne des Wortes „einwickeln“ konnte, damit ich mich mit ihr eingehender beschäftigte. Sie war durchaus nett anzusehen, Gattin eines Frankfurter Großfleischers, der wenig Zeit und auch andere Interessen hatte. Des einen Leid, des andren Freud sozusagen. Es waren tolle Zeiten mit viel Spaß und Lust. Und ich lernte eine Menge dazu, sie war eine begnadete Lehrerin.
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Wenig später wurde ein Material aktuell, das sofort mein Interesse erregte: die Lackmäntel der siebziger und frühen achtziger Jahre. Auch die gab es, wenngleich oft zu damals für mich unbezahlbaren Preisen, sehr häufig und sie waren ein alltäglicher Anblick im Straßenbild. Gelegentlich konnte man auch Lackcapes und Ponchos auf der Strasse sehen. Parallel dazu eröffneten im Frankfurter Bahnhofsviertel die ersten „Fachgeschäfte für Ehehygiene“, die dann im Volksmund wenig später als Sexshops definiert wurden. Zwei oder drei gab es davon auf der Kaiserstrasse. Erreichbar über winklige Hinterhöfe und durch mit Tüchern zugehängte damit blickdichte Türen.

Mit ziemlichen Herzklopfen machte auch ich mich gelegentlich in diese Parallelwelten auf ohne jedoch recht zu wissen, was ich dort finden sollte. Skandinavische bunte Hefte mit allen möglichen und unmöglichen Fotos gab es zuhauf, aber die interessierten mich nicht wirklich. Der Zufall wollte es, das eines Tages einer der Lieferanten des Ladens gerade neue Ware brachte und ich dadurch auf ein Heft mit dem Namen Gum aufmerksam wurde. Das wurde vom Verkäufer sofort heraus gefischt, aber ich erstand es, bevor es als Bückware unter dem Tresen verschwand. Meine erste Information zum Thema Gummi und Klepper.
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Fortan versuchte ich, dieses Heft ziemlich regelmäßig zu bekommen, wenngleich mich die Hälfte des Inhalts kaum interessierte. Mich interessierten auf einmal auch Kleppermäntel und Capes – mein Interessenspektrum begann sich zu erweitern. Schwierig war es, das Heftle zu bekommen. Diese Themen galten als Inbegriff der Perversion und später erfuhr ich, dass auch übereifrige Juristen immer wieder versuchten, das Böse auszumerzen. Meine Güte – verglichen mit heutigen Zeiten……..

Ich eröffnete meiner bereits oben erwähnten Lady, dass ich sie nun auch gerne in einem Kleppermantel zu sehen wünschte. Es endete damit, dass sie für sich einen Mantel und ein Cape und für mich meinen ersten Klepperrillo kaufte. Nicht bei Schmittlein, sondern in einem Sportgeschäft gegenüber dem Haupteingang des Kaufhof am Anfang der Zeil. Dort gab es eine große Auswahl und ich erinnere mich immer wieder an die dezenten Panikgefühle, die ich hatte, wenn auch ich aufgefordert wurde, den Kleppermantel zu tragen. Ich hatte das bescheuerte Gefühl, dass mir jeder ansehen würde, in welchem Zusammenhang mein Mantel mit der Kleidung meiner Begleiterin standen. Aber es war sehr anregend…..

Irgendwann entdeckte ich dann im gum eine Anzeige einer Firma Soggenraiser Mode, in der ein kleiner schwarz-weiß Katalog für den stolzen Preis von 20 oder 30 Mark offeriert wurde. Offeriert wurde  modische Kleidung aus Klepper- und Lackstoffen. Den musste ich natürlich haben. Ich war infiziert – dort wurden ganze Overals, Latzhosen und Kleider aus Kleppermaterial angeboten, dazu viele Lackmodelle. Später kam dann ein neues Heft heraus, das ich heute noch habe, es wurde nun unter IS-Moden firmiert und zu meinem großen Entzücken war der Sitz des Unternehmens nur wenige Kilometer von meiner Wohnung entfernt. In Kürze sollte ich Bernd Schmittlein, seine damalige Lebensgefährtin  und seine Welt näher kennen lernen.

Colloredo
– Fortsetzung folgt –

Komm mit ins Abenteuerland – ein Fränkisches Original mit Ecken und Kanten.

Eine gute Idee, denn Herr Schmittlein hat diesen Blog verdient.

Auch mich faszinierte seit meiner frühen Kindheit der Kleppermantel ungemein, und ich wusste lange Zeit nicht, was da eigentlich mit mir los war. Später sah ich die Anzeigen vom Versandhaus Lampe in verschiedenen Zeitschriften und las in der Zeitschrift Konkret und in der psychologischen Literatur, dass es Gummifetischipreview2_bigsmus gab. Jetzt hatte ich eine erste Erklärung für meinen Zustand.

Mitte der Achtziger fielen mir regelmäßige Anzeigen im Inserat auf, in denen Kleppermäntel und Gummikleidung angeboten wurden und irgendwann rief ich die angegebene Nummer an und vereinbarte einen Termin. Als ich dann vor dem Haus stand, traute ich mich allerdings nicht zu klingeln. Unentschlossen stand ich auf der Straße als plötzlich Herr Schmittlein im Kleppermantel aus dem Haus kam und zu einem Wagen ging. Ich sprach ihn nicht an und fuhr wieder nachhause.

kl6Ein paar Wochen später, nahm ich all meinen Mut zusammen und rief ihn erneut an. Herr Schmittlein war inzwischen nach Wiesbaden gezogen und dieses Mal klingelte ich. Er öffnete und ließ mich eintreten und auch ich war völlig überrascht von den vielen Gummi- und Kleppersachen, die in seinem Wohnzimmer hingen und herumlagen. Auch Herr Schmittlein trug eine Hose und ein Hemd aus Klepperstoff und ein Kleppercape. So etwas hatte ich noch nie gesehen! Im Verlauf des folgenden Gespräches erfuhr ich, dass ich mit meinem Klepperfaible nicht alleine bin, und „zum Beweis“ zeigte er mir ein erstes Kleppervideo aus seiner Produktion und eine Ausgabe seines KLEPP Magazines.

Diese Welt war mir völlig neu, bizarr und auch gewöhnungsbedürftig, zog mich aber andererseits magisch in ihren Bann. In den folgenden Monaten habe ich ihn noch einige Male in Wiesbaden besucht, um einige Teile und Videos zu kaufen bzw. schneidern zu lassen. Manchmal brauchte ich sehr viel Geduld, aber ich bekam meine Ware immer und die Qualität war über jeden Zweifel erhaben. Herr Schmittlein erzählte selber, dass er so manchen Kunden wegen der langen Wartezeiten vergrault hatte, aber das war ihm irgendwie völlig egal. Er hielt nichts von diesen „Spießern“ und redete sich dann immer dermaßen in Rage, dass ich fast Angst bekam. So richtig geschäftstüchtig war er nicht wirklich, aber das machte ihn für mich auch sympathisch.3071f867c21a8c8fDa ich jetzt wusste, dass es auch andere Klepperliebhaber gab, hätte ich sehr gerne Kontakt zu Gleichgesinnten gehabt. Herr Schmittlein machte einige Klepperfotos von mir – die ich allerdings nie sah – und ich gab eine Anzeige in seinem KLEPP Magazin auf – leider erfolglos. Bei einer anderen Gelegenheit bat er mich unerwartet, zu filmen während er sich mit einem Mann in Klepper und Gummi „vergnügte“. Während der Aufnahme „gab die Kamera plötzlich ihren Geist auf“, so dass wir abbrechen mussten. Herr Schmittlein war ziemlich sauer und auch frustriet und ich fuhr irritiert nachhause.

Lange hielt es ihn nicht in Wiesbaden – er zog in seine Heimat, wo er aber auch häufig den Wohnort wechselte (Lichtenfels, Forchheim …) und da er leider keinen Klepperstoff mehr hatte und nur noch Gumpla verkaufte, hatte sich das für mich erledigt.

Gerade in der letzten Zeit denke ich aber wieder öfters an den Fränkischen Klepperpionier und freue mich sehr, wenn ich hier auch einen kleinen Beitrag leisten kann.

KLF

Ps: Herr Schmittlein sprach nicht „Frankforderisch“ sondern Fränkisch

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